Geschichte (n) der Parkinson Forschung

Hinweise auf Parkinson gab es schon bei Autoren der Antike, die einzelne Symptome recht detailliert beschrieben haben, dies allerdings noch recht unstrukturiert. Der Beginn der Parkinson Forschung wird mit James Parkinson in Verbindung gebracht, der 1817 seine Abhandlung „An essay on shaking palsy“ schrieb, nachdem er nur 4 Patienten mit diesen Symptomen gesehen hatte.

Bekannt sind auch die autobiographischen Aufzeichnungen des Wilhelm von Humboldt, der um 1820 in Briefen darlegte, wie sich seine Schrift veränderte und seine Bewegungen eingeschränkter wurden.

Die Bezeichnung Morbus  Parkinson wurde dann vom französischen Arzt Jean-Martin Charcot, Professor für Neurologie an der Salpetrière in Paris erstmals 1876 in seiner Vorlesung verwendet. Er beschränkte sich nicht auf die Beobachtung der Erkrankung, sondern erforschte auch Möglichkeiten der Behandlung, etwa mit Belladonna, dem Extrakt der Tollkirsche. Ebenso entwickelte er erste physikalische Therapien, etwa einen Stuhl, mit dem Patienten durchgeschüttelt werden konnten, was eine Linderung der Symptome bewirkt haben soll.

Die ersten Filmaufnahmen von Parkinson Patienten und eine Dokumentation der Symptome verdanken wir dem belgischen Anatomen Arthur Van Gehuchten, der um die Jahrhundertwende viele Aufnahmen mit dem damals neuen Medium Film gemacht hatte.

Erste Erklärungen zu den Ursachen der Parkinson-Krankheit kamen 1910 von dem usbekischen Pathologen Konstantin Nikolevitch Tretiakoff, der in seiner Dissertation in Paris  die Degeneration der substantia nigra im Gehirn beschrieb. Seine Thesen wurden lange angezweifelt und erst  30 Jahre später durch die Arbeiten des deutschen Pathologen Rolf Hassler bestätigt. 1912 veröffentlichte der deutsch-jüdische Arzt Fritz Jakob Heinrich Lewy seine histologischen Befunde des Morbus Parkinson, typische Gewebeveränderungen, die nach ihrem Entdecker als „Lewy-Körperchen“ bezeichnet wurden. Die sichere Bestimmung des Parkinson ist bis heute erst post mortem möglich, eben über die beiden genannten Merkmale Veränderung der substantia nigra, sowie Lewy-Körperchen.

Der nächste große Sprung kam 1958, als der schwedische Pharmakologe Avid Carlsson erstmals die Bedeutung des Neurotransmitters Dopamin und die zentralnervösen Wirkungen von Levodopa im Tiermodell zeigen konnte. Dafür wurde er 2000 zusammen mit Kollegen mit dem Medizin Nobelpreis ausgezeichnet. Fast zeitgleich konnte der Wiener Pharmakologe Oleh Hornykiewicz in den Gehirnen von verstorbenen Parkinson Patienten einen Mangel an Dopamin nachweisen. Zusammen mit einem ärztlichen Kollegen hat er dann auch erfolgreiche Therapieversuche mit Levodopa unternommen.

Richtig Fahrt aufgenommen hat die orale Levodopa-Therapie mit den Arbeiten des griechisch-amerikanischen Neurologen George Constantin Cotzias, der seine erste Studie 1968 veröffentlichte. Nur zwei Jahre später hat das Schweizer Pharmaunternehmen Roche das erste dopaminerge Medikament, Larodopa, auf den Markt gebracht. Sehr bekannt wurde dann die Arbeit des Neurologen Oliver Sacks, der in Brooklyn Patienten mit viral vermitteltem Parkinson-Syndrom behandelte und seine Erkenntnisse in dem Buch „Zeit des Erwachens” niederschrieb, das später mit Robert de Niro erfolgreich verfilmt wurde. Oliver Sacks berichtete damals nicht nur über Erfolge, sondern auch über die Nebenwirkungen der Levodopa-Therapie und eröffnete damit eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung, die bis heute andauert.

Woher aber kommt die Parkinsonerkrankung und was löst sie aus? Darüber entbrannte ein Streit unter Forschern, während die einen genetische Ursachen sahen, betonten andere Umwelteinflüsse, etwa Belastungen durch Umweltgifte oder Drogen. Durch Zufall wurde dann eine chemische Substanz, MPTP, identifiziert, die Dopamin im Gehirn zerstören kann. Erst dadurch wurden pharmakologische Versuche mit Tieren, die sonst nicht anfällig für Parkinson sind, möglich und setzten kontinuierliche Verbesserungen der Therapien in Gang.

So wurde u.a. die Tiefe Hirnstimulation entwickelt, um die „Bremse“ im Gehirn zu lösen und die Akinese zu behandeln. In Kombination mit Hirnschrittmachern konnte so von mehreren Forschern ein wirksames invasives Verfahren zur Behandlung des Parkinson etabliert werden.

Ein weiterer Meilenstein waren die Arbeiten des Genetikers Mihael Polymeropoulos, der 1997 erstmals erbliche Gendefekte des Parkinson beschreiben konnte. Bei den Betroffenen kommt es zu einer krankhaft erhöhten Ansammlung von Alpha-Synuclein und die Forschung geht heute davon aus, dass dieses Protein entscheidend an der Entstehung von Parkinson beteiligt ist. Hier setzen daher viele experimentelle und klinische Arbeiten für eine kausale Therapie an. Unterstützt wird dies durch die Forschungen des Frankfurter Neuroanatomen Heiko Braak, der 2003 eine neue Stadieneinteilung des Parkinson beschreibt. Seine Hypothese, dass die Parkinson-Krankheit im Darm beginnen könnte, wird lange nicht ernstgenommen. Neuere experimentelle Daten zeigen jedoch ebenfalls in diese Richtung und werden weiterverfolgt, u.a. mit chirurgischen Unterbrechungen des Vagusnervs, der vom Darm zum Gehirn führt. Ebenso wird eine Stärkung des Mikrobioms im Darm untersucht, um so die krankhafte Ansammlung von Alpha-Synuclein zu unterbinden.

Viele Forschungen zielen darauf ab, die bisherige symptomatische Behandlung um kausale Therapien zu ergänzen, und so die Entstehung oder Verschlechterung des Parkinson zu verhindern. Parallel laufen auch viele Forschungsstränge auf genetischer Ebene, u.a. gefördert durch Sergey Brin, einem der Google-Gründer, der selbst diese Disposition für Parkinson mitbringt. Zudem hat sich die pharmakologische Forschung durch digitale Wirkstoffdatenbanken und Simulationen verändert und beschleunigt. Weitere Hoffnungen ruhen auf modernen Immuntherapien, um etwa Antikörper gegen Alpha-Synuclein zu bilden. Das alles gibt Anlass zur Hoffnung, dass Parkinson schon in absehbarer Zeit „vermeidbar oder heilbar“ werden könnte.

Die Inhalte dieses Artikels basieren im Wesentlichen auf einem Online Vortrag von Prof. Dr. med. Jens Volkmann, dem Präsidenten der Parkinson Stiftung. Seinen kompletten Vortrag können Sie unter diesem Link anschauen.